Umzug mit Fummel und Perücke

Der Fundus der Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg umfasst mehr als 10.000 Kostüme
Hunderte Kostüme machen jedes Zillchens zum Augenschmaus

Auch wenn die Sanierung des Opernhauses am Offenbachplatz mehrfach verschoben wurde, nun werden Oper und viele Nebengebäude der Bühnen Köln geräumt, damit die Bauarbeiten beginnen können. Dazu zählt auch das Kostümlager der Bühnenspielgemeinschaft Cäcila Wolkenburg in den Probenräumen der Oper an der Stollberger Straße. Mehr als 10.000 Kostüme, gut 200 Kartons mit Accessoires und Kleinrequisiten und eine komplette Kostüm-Schneiderei beziehen ihren neuen Fundus in den Studios des Medienparks NRW in Hürth.

Den Umzug des Zillchen-Kostümfundus stemmen die Männer des Kölner Männer-Gesang-Vereins selbst: "Unser ureigenes Interesse am sorgfältigen Umgang mit diesem wertvollen Fundus legt die Überlegung nahe", erklärt Klaus Tilly, der den Umzug des Kostümfundus organisiert. 

Um allein das 100 qm große Lager zu räumen, kalkuliert Klaus Tilly zwei volle Umzugstage ein und rechnet mit vielen ehrenamtlichen Helfern aus den Vereinsreihen des KMGV. Denn im alten Fundus müssen alle Kostüme mit einem provisorischen Seilzug aus dem Lager im Keller und aus der Schneiderei im Obergeschoss gehievt werden. Das "Nadelöhr Treppenauge" muss nun beim Umzug der Kostüme ein letztes Mal bewältigt werden - mit etwa 100 laufenden Metern prall mit Kostümen gefüllten Garderobenständern! Natürlich könne nicht jeder Sänger "diese körperliche Herausforderung auf sich nehmen". Der vermeintliche Kalauer "Ich habe Rücken!" beschreibe bei teilweise einfach die Realität.

Den Umzug der unzähligen Kleidungsstücke hat Klaus Tilly genau geplant, damit Biedermeierkleider, schwarzgelb gesteifte Tüll-Tutus, Bomberjacken, Paillettenkleider und Lederhosen unversehrt und wieder auffindbar im neuen Fundus einsortiert werden können. Auch die vielen Kisten voller Tirolerhüte, Bauhelme, Papierblumen und Plastikfrüchte müssen auf das Gelände der Studios des Medienparks NRW in Hürth transportiert werden. Nicht zu vergessen die Kostüm-Schneiderei: Schließlich werden dort ab Juni bereits die Kostüme für das Divertissementchen der Session 2012/13 genäht.

So entstehen die Zillchen-Kostüme

»Bis 1996 gab es meistens pro Akteur nur ein Kostüm– entweder ein Kleid oder einen Anzug«, erklärt Kostümbildnerin Ulrike Zimmermann-Mattar. Seitdem sorgt Chef-Kostüm-Designerin Judith Peter mit ihren Aufsehen erregenden Kostümen für mehr Abwechslung auf der Zillchen-Bühne.

Kostümbildnerin Judith Peter

Etwa 400 Kostüme haben Judith Peter und Ulrike Zimmermann-Mattar allein für das zurückliegende Divertissementchen "Kölsche Jungfrau, dringend gesucht" entworfen – ein paar Näherinnen setzen deren Ideen um. Schon im Mai, wenn das neue Stück vorgestellt wird,werden die Kostümbildnerinnen kreativ: Vorbilder suchen, Stoffproben sammeln, den Fundus durchsuchen, erste Materialkollagen und Entwürfe zusammenstellen. Abgesehen vom Budget, das die zwei selbstständigen Kostümdesignerinnen einhalten müssen, seien die Freiheiten und Möglichkeiten in der Cäcilia Wolkenburg enorm: »Am Theater wollen immer alle mitbestimmen. Beim Zillche darf man auch einfach mal machen«, sagt Ulrike Zimmermann-Mattar, die seit zehn Jahren die Bühnen- Garderobe der Cäcilianer mitgestaltet: »Natürlich nicht ohne Absprache mit dem Regisseur!«

Bis zur ersten Bühnenprobe im Kostüm müssen alle Kleider zugeschnitten, genäht, anprobiert und geändert sein. »Wir geben immer einiges an Stoffzugabe in die Nähte«, verrät die Kostümbildnerin. Anders als bei normaler Konfektionskleidung kommt es am Theater darauf an, die Kostüme schnell umändern zu können, wenn ein Darsteller ausfällt - oder über die Weihnachtsfeiertage zunimmt.

Kostüme nähen heißt Illusionen schneidern

Kostümbildnerin Ulrike Zimmermann-Mattar

Bis zu 80 Stunden Arbeit stecken in einem Herrenanzug, daher wird bei Sakkos und historischen Gehröcken gern auf Leihgaben des Opernfundus zurückgegriffen. Damenkostüme sind schneller zu nähen. 10 Stunden brauchen die Näherinnen für ein Kleid – und ein ganz feines Gespür für Proportionen: Denn »wir schneidern ja Kleider für Männer – mit einem ganz anderen Körperbau und vor allem ohne Brüste«, weist Ulrike Zimmermann-Mattar auf die Zillche-typische Besonderheit der Kostüme hin. Die Zeiten selbst gebastelter Oberweiten-Attrappen wünscht sich die Kostümbildnerin indes nicht zurück: »Das sah schon schrecklich unnatürlich aus!«

Viel Zeit benötigt auch das Heraussuchen von Hemden, Krawatten, Hüten, Taschen, Schals und Handschuhen – all jenen Accessoires, die aus Kleid oder Anzug erst ein Kostüm machen. Doch was ein perfektes Bühnenoutfit noch benötigt, kann man mit Nadel und Faden nicht hinzufügen: »Erst der Darsteller macht das Kostüm komplett. Er muss es nicht nur anziehen, sondern mit Leben füllen«,weiß Ulrike Zimmermann-Mattar.

Die »Dschungel-Modenschau« im Divertissementchen »Kölner Jungfrau, dringend gesucht« bot den Kostümdesignerinnen die Möglichkeit, aus dem Vollen zu schöpfen! Weit ausladende Reifröcke voller Seerosen, Schlingpflanzen und Blumen werden von den Herren des Balletts in der Kulisse der Flora präsentiert. »Alte Badekappen schmücken nun ein Sommerblumen-Kleid«, beschreibt Ulrike Zimmermann-Mattar die Entstehung der Haute-Couture-Kostüme: »Für ein anders haben wir einen Tag lang grüne Blüten aus Krepppapier gebastelt. Dabei haben sogar Judiths Kinder geholfen.« Von ihr sind auch die aufwendigen Hut-Kreationen der Zillche-Models. Und wie auf jedem Pariser Laufsteg bildete auch in der Cäcilia-Version ein Brautkleid den Höhepunkt der Modenschau!

Freuen Sie sich schon auf das neue Divertissementchen – erstmals in der Oper am Dom >>

-bw-

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