Atemtechnik: Tipps fürs Einsingen

Stimmbilder Wolff beim Einsingen
Das Zwerchfell, unser Atemmuskel, will trainiert werden

Laut Statistik atmen wir durchschnittlich 23.000 Mal täglich ein und aus und transportieren dabei 12,5 m³ Luft. In Ruhe geschieht das 11–15 Mal pro Minute. Geschieht, nicht getan. Ob wir wach sind, daran denken, oder es nicht bewusst erleben, die Versorgung unseres Körpers mit Sauerstoff und der Abtransport von Kohlendioxid, dieser Gasaustausch, Energielieferant für jede Zelle, komplex gesteuert durch das Stammhirn, geschieht an uns einfach.

Atmung, das sind Einatmung, Ausatmung und die kurzen Ruhephasen zwischen beiden. Im Alltag empfinden wir die Einatmung als den aktiveren, die Ausatmung als den passiv gehenden Teil der Atmung. Beobachten wir einmal die ganz normale Ruheatmung (durch die Nase), wenn man entspannt steht oder sitzt. Im Idealfall wölbt sich der Bauch bei der Einatmung ein wenig nach außen, es folgt eine kurze Phase der Ruhe vor der Ausatmung. Die Phase der Ausatmung wird lautlos und zügig gehen. Ein kleines Lüftchen. Könnte man mit diesem kleinen Lüftchen singen

Singen ist zeitlich gedehnte, konzentriert tönende Ausatmung. Töne entstehen, wenn sich die Stimmlippen im Kehlkopf je nach Tonhöhe minder oder mehr schließen und mit Hilfe der Ausatmung sowie der im Kehlkopf vorhandenen Muskulatur zum Schwingen gebracht werden. Die Phase der Ausatmung muss also im Gegensatz zur Normalatmung verlängert, intensiviert und zudem aktiv gesteuert werden können. Beim Singen (= Ausatmung) geben wir Energie und Power, die Einatmung ist der Teil, der zurückgibt,was wir gegeben haben. Sie wird zu einer wichtigen Regenerationsphase.

Atmen ist Grundlage des Singens

Einatmen heißt auf Sängerdeutsch auch »Abspannen«, das bedeutet,man lässt die Spannung, die sich im Körper durch die Ausatmung (den Gesang) aufgebaut hat, los. Sie soll schnell und möglichst effektiv sein, denn möglicherweise gibt es in einem Stück nur kurze Pausen zum Luftholen oder die Phrasen sind sehr lang, so dass wir die Atemkapazitäten bewusst einteilen müssen.
Es gibt eine Reihe von Namen für diese Atmung, »kosto-abdominale Atmung «, »Zwerchfell-Flankenatmung«, landläufig »Bauchatmung«. Es ist dann so, dass sich bei der Ausatmung der Oberkörper ein wenig anhebt, während die Einatmung als ein passives Fallenlassen empfunden wird. Bei der Einatmung wölbt sich der untere Bauch nach außen. Die Bauchwölbung geschieht automatisch, wenn das Zwerchfell sich absenkt und dadurch die Eingeweide im unteren Bauch ein wenig verdrängt werden.

Und was sollte jetzt mit all dieser Atemluft geschehen? Jedenfalls geht es nicht darum, die Atemluft einfach durch den Kehlkopf »rauszupusten«, sie reicht dann auch nur für die erste Hälfte der Phrase. Eigentlich brauchen wir für die Schwingung der Stimmbänder nicht so viel Luft. Zum Singen sollte nur ein kleinerer Atemstrom aber mit konstantem Druck genutzt werden. Enrico Caruso erklärte sogar, dass er »nicht mehr Atem zum Singen benötige als für eine zwanglose Unterhaltung mit einem Freund«. Wir sind nicht Caruso, aber auch wir haben eine starke physische Grundlage, um unseren Stimmapparat lange, konstant und wenig(-er) ermüdend klingen zu lassen. Das sind Brust-, Zwischenrippen-, und Lendenmuskulatur, an denen das Zwerchfell angehängt ist. Diese drei Muskelgruppen ermöglichen uns das Singen mit komprimierter Luft anstatt mit losgelassener Luft.
Das ist der Begriff der »Stütze«, Unterstützung. Die Italiener nannten es »appoggio«, was ungefähr Anlehnung bedeutet. Manche nennen es »Verankerung« (»anchoring«) oder Anbindung. Einfacher sind die Begriffe Atemkontrolle oder kontrollierte Ausatmung. Doch es ist immer dasselbe gemeint: Die Atemmuskulatur arbeitet gleichzeitig in Rückhaltung und konzentrierter Abgabe der Atemluft, sie nimmt der Kehlkopfmuskulatur Arbeit ab, wird ein Fundament der Tonerzeugung. Die Kraft kommt eben nicht aus dem Hals. Nebenbei: Alles, was mit Drücken, Pressen, Quetschen und so weiter einhergeht, ist hier nicht gemeint.
Übrigens scheint auch unser Chorleiter von diesen Zusammenhängen überzeugt zu sein. »Wer richtig atmet, der spart drei Jahre Gesangsstudium«, sagt Berhard Steiner.

Hilfreiche Atemübungen fürs Singen

Spätestens jetzt wird auch klar, warum Atemübungen so wichtig sind – wer eine trainierte Atmungsmuskulatur bewusst zur Verfügung hat, kann natürlicher, lauter und ausdauernder singen, ohne dabei seinen Stimmapparat zu überanstrengen. Die Atemmuskulatur trainieren wir vor jeder Probe beim Einsingen, tonlos und mit Phonation. Denn die Anforderungen an die Atmung erhöhen sich beim Singen beträchtlich. Wir wollen nicht nur (angemessen) laut klingen, sondern dabei auch noch qualitativ schöne Töne erzeugen.

Es gibt drei Arten von Atemübungen für Gesang, Kraftübungen, Flexibilitätsübungen sowie Ausdauerübungen / Atemverlängerungsübungen. Einige Beispiele aus unserer Praxis:

  • Die Kraftübungen müssen mit möglichst viel Power ausgeführt werden. Sie trainieren die inneren Zwischenrippenmuskeln.Diese sind für die Ausatmung zuständig und können für den Gesang trainiert werden. Wir machen z.B. kräftige »sch sch sch«, »f s sch«, »p t k«Wichtig dabei ist: kräftig ausatmen.
  • Flexibilitätsübungen trainieren die Fähigkeit des Zwerchfells, sehr schnell und effektiv loszulassen, nachdem ausgeatmet wurde und eine Gesangsphrase vorbei ist. Wir atmen z. B. mit Kraft alle Luft aus, halten, spüren den Atemreflex und lassen die Luft »einfallen«. Die Übung machen wir auch mit kleinen kurzen s s s s oder s sch s sch s sch. Ein Zug, der immer schneller wird und sich dabei von dir entfernt.
  • Ausdauerübungen trainieren einen langen Atemstrom und damit auch die Atemdosierung:Wir singen auf einem angenehmen Ton und ruhig ganz zart wwwwwwwww, solange es geht. Irgendwann spürt man den Einatem-Impuls. Wir machen dann eine kurze bewusste Pause (spüren die Spannung) und lassen dann los, so dass die Einatmung passiv / reflektorisch einströmen kann.

Zum Schluss eine Enttäuschung: Atemübungen sind KEIN Training der geraden und schrägen Bauchmuskulatur! Dafür braucht es weiterhin die altbekannten Situps.

-BN-

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